Kompressionsverband anlegen

Die Kompressionstherapie –
unverzichtbar bei Venenleiden

Auch wenn die Kompressionstherapie eine eher unbeliebte Therapie ist und häufig abgebrochen wird, ist der Kompressionsverband die beste Maßnahmen, um eine der wesentlichsten Ursachen von Venen- und Ulkusleiden zu beseitigen: nämlich den Blutrückstau in den Venen.

von  der Redaktion "Zuhause pflegen"
Venenveränderungen und Venenleiden zählen zu den häufigsten Befindens- und Gesundheitsstörungen und werden heute fast als moderne Zivilisationskrankheit angesehen. Nicht zuletzt deshalb, weil angenommen wird, dass unsere Lebensweise mit üblicherweise ausgeprägtem Bewegungsmangel und falscher Ernährung bei der Krankheitsentwicklung eine wichtige Rolle spielt. Dennoch die „offenen Beine“ wie der Volksmund sie nennt, sind von jeher ein weitverbreitetes und gefürchtetes Leiden.

Auch die Kompressionstherapie bei venösen Beinleiden ist keine Erfindung der Neuzeit. Die Bandagierung des Beines von unten nach oben“ dürfte bereits in den frühen Hochkulturen praktiziert worden sein. Erste Hinweise finden sich in den Schriften des berühmtesten Arzt der Antike, Hippokrates von Kos (um 460 v. Chr.). Hier wird ein Klebeverband mit der Indikation erwähnt, „mit dem Verband das Blut nach dem oberen Teil des Körpers zu treiben“.

Heute ist die Wirksamkeit einer Kompression des Beines natürlich wissenschaftlich hinreichend belegt und der Kompressionsverband hat sich als unverzichtbare Therapiemaßnahme in der Behandlung von Venenleiden etabliert: sei es beispielsweise im Anschluss an ein Venenstripping oder in der sog. konservativen, d. h. nicht chirurgischen Behandlung als alleinige Therapiemaßnahme.

Auch wenn Beschwerden abgeklungen sind und ggf. ein Ulkus abgeheilt ist, spielt die Kompressionstherapie weiterhin eine wichtige Rolle. Denn letztlich gilt es für Sie als Patient zu akzeptieren, dass Venenleiden nie wirklich „geheilt“ werden können, weil die hauptsächliche Ursache für die Beschwerden, nämlich die Bindegewebsschwäche nicht beseitigt werden kann. Alles würde also wieder von vorn beginnen, wenn nicht durch einen Kompressionsverband oder Kompressionsstrumpf die Ausbildung neuer Stauungen verhindert wird.

Seniorin beim Kegeln
Für Kompressionsverbände stehen heute neben den klassischen Kompressionsbinden auch bi-elastische Binden zur Verfügung, die angenehm zu tragen sind und Bewegungsabläufe kaum behindern.

Fest steht aber auch, dass die Kompressionstherapie bei den Patienten eine eher unbeliebte Therapie ist, die häufig abgebrochen und nicht konsequent genug durchgeführt wird. Dies mag zum Teil auch daran liegen, dass der Kompressionsverband so manches Mal mehr schlecht als recht angewickelt ist und der Patient die wohltuende Wirkung der Kompressions gar nicht erleben kann. Denn bei einem richtig angelegten Kompressionsverband treten in der überwiegenden Zahl der Fälle rasch Schmerzfreiheit und ein Nachlassen der Beschwerden auf, was den Patienten zur Einhaltung der Kompressionstherapie motivieren kann. Und  selbst wenn das Tragen eines Verbandes oder Strumpfes in manchen Situationen nicht so angenehm und eher lästig ist, so wird es schließlich im Vergleich zu erneuten Leiden und Schmerzen das kleinere Übel bleiben.

Erfahren Sie hier Wissenswertes zum Thema Kompressionstherapie, aber auch, was beim Anlegen eines Kompressionsverbandes zu beachten ist, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Was bewirkt die Kompression des Beines?

Schema Kompressionsverband
In einer krankhaft erweiterten Vene können die Venenklappen ihre Ventilfunktion nicht mehr erfüllen (links). Das Blut sackt zurück, was zu Stauungen und schließlich zur Versumpfung des Gewebes führt. Durch den Kompressionsverband werden die Venen eingeengt, die Venenklappen schließen wieder, der Rücktransport des venösen Blutes zum Herzen wird normalisiert.

Die Wirkung eines Kompressionsverbandes ist einfach zu verstehen. Er umgibt das Bein rundum mit so festem Druck, dass die krankhaft erweiterten Venen eingeengt bzw. zusammengepresst werden. Dadurch können die Venenklappen, die im gesunden Zustand wie Ventile dafür sorgen, dass das Blut nur herzwärts fließt, wieder schließen und ihre Ventilfunktion wieder erfüllen. Die Strömungsgeschwindigkeit des venösen Blutes kann sich erhöhen, der Rücktransport zum Herzen wird normalisiert.

Gleichzeitig dient der Kompressionsverband der schlaffen Beinmuskulatur als ein festes Widerlager. Die Beinmuskulatur kann sich nicht mehr nach außen ausdehnen und übt stattdessen einen größeren Druck auf die Venen und das Gewebe aus. Die sog. Wadenmuskelpumpe, die ebenfalls beim Rücktransport des venösen Blutes zum Herzen eine wichtige Rolle spielt, kann wieder in Aktion treten und den venösen Rückstrom unterstützen. Alles zusammen ermöglicht ein aktive Entstauung des Beines durch die eigene Muskelkraft.

Darüber hinaus bewirkt der Kompressionsdruck, dass auch Flüssigkeit und „Abfälle“ aus den Stoffwechselvorgängen, die sich im umliegenden Gewebe angesammelt haben, abtransportiert werden. „Versumpftes“ Gewebe wird trockengelegt, Schwellungen und Ödeme bilden sich zurück. Es wird Platz geschaffen für frisches Blut, Geschwüre können abheilen. Zudem verhindert der Druck von außen, dass erneut Wasser ins Gewebe einsickern kann. Die Gefahr, dass neue Entzündungen und Blutgerinnsel (Thromben) entstehen, wird entscheidend verringert.

Verschiedene Methoden führen zum Erfolg

Je nach Schwere der venösen Stauung und der sonstigen klinischen Erscheinungsbilder werden in der Kompressionstherapie verschiedene Methoden angewandt, um das Therapieziel der Entstauung zu erreichen. Welche Kompressionsmaßnahme entsprechend dem Befund erforderlich ist, entscheidet und verordnet der behandelnde Arzt.
Der phlebologische Kompressionsverband
„Phlebologie“ ist die medizinische Bezeichnung für die „Lehre von den Erkrankungen der Venen“, abgeleitet vom griechischen Wort „phlebos“ für „Vene, Blutgefäß“. Der phlebologische Kompressionsverband (PKV), ist dementsprechend der Verband, der bei allen akuten Erkrankungen wie Thrombosen, Entzündungen, schweren Stadien der chronisch venösen Insuffizienz (CVI) und offenen Geschwüren unbedingt erforderlich ist.

Der phlebologische Kompressionsverband kann als ein Dauerverband oder als ein Wechselverband angelegt werden. Der Dauerverband bleibt – wie der Name besagt – über einen längeren Zeitraum, meist über mehrere Tage, auch während der Nacht angelegt. Ein Wechselverband wird täglich neu angelegt, kann jedoch bei Anwendung von Kompressionsbinden mit geringer Dehnbarkeit und bei guter Verbandtechnik auch über Nacht angelegt bleiben. Für beide Verbandmethoden kommen unterschiedliche Bindenmaterialien zur Anwendung.
Anlegen eines Zinkleimverbandes
Anlegen eines Zinkleimverbandes
Für einen Dauerverband werden in erster Linie nicht wiederverwendbare Binden wie klebende Binden und starre Binden wie Zinkleimbinden verwendet. Letztere gibt es auch in einer längs- und querealstischen Variante für ein vereinfachtes Anlegen.

Zinkleimbinden ergeben im angelegten Zustand halbstarre Verbände, die von allen Verbandmaterialien der tätigen Beinmuskulatur den größten Widerstand entgegensetzen. Damit entfalten sie bis in die tiefen Venenbereiche einen intensiven Druck, der rasch entstauend wirkt. Der Zinkleimverband wird deshalb sowohl in der akuten Phase der Therapie als auch zur Erhaltung der erreichten Entstauung eingesetzt. Er ist ggf. auch für Patienten geeignet, die beispielsweise aufgrund demenzieller Probleme einen Wechselverband manipulieren.

Hinweis: Nicht geeignet ist der Zinkleimverband, wenn im Falle eines venösen Ulkus jeden Tag eine Wundversorgung erforderlich ist. Dann ist ein Wechselverband aus Kurzzugbinden angezeigt.

Für einen Wechselverband kommen wiederverwendbare elastische Kompressionsbinden zum Einsatz.  Entsprechend ihrer Elastizität werden sie in Kurzzugbinden mit 40-90 % Dehnbarkeit, in Mittelzugbinden  mit 100-130 % Dehnbarkeit und Langzugbinden mit 150-200 % Dehnbarkeit eingeteilt. Für den phlebologischen Kompressionsverband werden zumindest im deutschsprachigen Raum Kurzzugbinden bevorzugt. Mittelzug- und Langzeitbinden sind aufgrund ihrer hohen Elastizität weniger geeignet. Durch ihre hohe Elastizität üben sie einen konstanten Dauerdruck auf die Gefäße aus, dessen Wirkung auf die Oberfläche beschränkt bleibt. Werden sie allein angelegt, müssen sie nachts abgenommen werden. Sind sie jedoch Bestandteil eines Mehrfachkomponentensystems können sie über mehrere Tage angelegt bleiben (siehe Erläuterungen zu Mehrfachkomponentensystem).
Anlegen einer Kurzzugbinde

Kurzzugbinden ergeben durch ihre relativ geringe Dehnbarkeit im Verband eine straffe Kompression, die ausreicht, die krankhaften Verhältnisse in den tiefen Venenbereichen zu beeinflussen. Zudem passen sie sich gut den Veränderungen des Beinumfangs bei der Abschwellung von Stauungen und Ödemen an. Sie können deshalb bei guter Anlegetechnik, abgesehen vom akuten, hochödematösem Stadium, etwa drei Tage angelegt bleiben.

Verbände aus Kurzzugbinden eignen sich für alle Formen der chronisch venösen Insuffizienz sowie zur Einleitung der Behandlung oder deren Fortführung bis zur vollständigen Entstauung und Abheilung eines venösen Ulkus. Im akuten Stadium wird der Kompressionsverband von einem geübten Arzt angelegt. Zur weiteren Behandlung kann das Anlegen des Kompressionsverbandes von geschulten Pflegefachkräften (ambulante Pflegedienste) oder auch von geschulten Angehörigen übernommen werden.

Eine Variante des Kompressionsverbandes mit Kurzzugbinden sind die sog. Mehrkomponentensysteme. Sie bestehen aus mindestens zwei Binden, die in ihrer Wirkungsweise so aufeinander abgestimmt sind, dass sie den für einen phlebologischen Kompressionsverband erforderlichen Druck erzeugen. Dies soll am Beispiel des 2-Komponenten-Kompressionssystem „PütterPro2“ erläutert werden.

PütterPro 2
PütterPro2 besteht aus einer Polsterbinde mit den Eigenschaften einer Kurzzugbinde und einer Kompressionsbinde mit langem Zug. Die Polsterbinde aus einem weichen Vlies mit einer Dehnbarkeit von ca. 80 % sorgt für die Steifigkeit des Verbandes und das feste Widerlager für die Beinmuskulatur. Daraus ergibt sich – wie bei Kurzzugbinden – ein guter Arbeitsdruck bis in tiefere Venenbereiche. Die Kompressionsbinde aus 84 % Polypropylen und 16 % Elastan mit einer Dehnbarkeit von 150 % hat als Langzugbinde die Aufgabe, den wirksamen Arbeitsdruck der Polsterbinde über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Aus diesem Zusammenspiel der beiden Binden entsteht ein optimales kurzzügiges Kompressionssystem, das über sieben Tage ohne Wirkungsverlust angelegt bleiben kann.

Der Vorteil von Mehrkomponentensystemen ist die einfache und sichere Anlegetechnik ohne komplizierte Wickeltechnik und ohne weitere Hilfsmittel. Zudem bieten sie gute Trageeigenschaften und ersparen dem Venenpatienten durch die lange Liegezeit so manche Belastungen.

Sicheres Anlegen leicht gemacht

Sicheres Anlegen von PütterPro 2
Polsterbinde (Kurzzugbinde) unter vollem Zug, das heißt maximal gedehnt, mit 50 % Überlappung anwickeln. Nicht benötigtes Bindenmaterial einfach abreißen. Tipp: Restliches Material kann zur Polsterung von Knochenvorsprüngen verwendet werden.
Sicheres Anlegen von PütterPro 2
Kompressionsbinde (Langzugbinde) ab-schnittsweise auf die doppelte Länge dehnen und mit 50 % Überlappung anwickeln, Rest von Hand abreißen. Durch die kohäsive Ausrüstung beider Binden ergeben sich in sich stabile, rutschfeste Verbände.
In der sog. Erhaltungstherapie, wenn das Bein entstaut oder das venöse Geschwür abgeheilt ist, sollten konsequent individuell angepasste medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) getragen werden. Denn alles würde wieder von vorne beginnen, wenn nicht durch die fortgesetzte Kompressions des Beines die Ausbildung neuer Stauungen verhindert wird. Moderne Kompressionsstrumpfsysteme stehen heute auch in modischen Varianten zur Verfügung, was es leichter macht, sie auch zu tragen. Werden sie regelmäßig getragen, liegt ihre Nutzungsdauer bei etwa sechs Monaten. Danach verlieren sie ihre therapeutische Kompresionswirkung und sind gegen neue auszutauschen.

Eine weitere Methode der Kompressionstherapie ist die apparative intermittierende Kompression (AIK) mithilfe pneumatischer Wechseldruckmanschetten. Ihr Einsatzgebiet sind venöse und lymphatische Erkrankungen. Anwendung und Therapieverlauf müssen ärztlich überwacht werden.

Wie Sie die Kompressionstherapie in den Griff bekommen

Für den Erfolg einer Kompressionstherapie ist die Mitarbeit des Patienten von entscheidender Bedeutung. Unabhängig davon, ob Sie selbst an einer Erkrankung der Venen leiden oder einen pflegebedürftigen Angehörigen betreuen, ist dazu immer etwas Wissen erforderlich, um Sinn und Zweck von Maßnahmen zu verstehen und gegebenenfalls bei auftretenden Komplikationen auch reagieren und den Arzt informieren zu können. Mit Ausnahme der Emboliegefahr durch eine tiefe Venenthrombose sind Venenleiden zwar nicht lebensbedrohlich, aber oft mit großen Behinderungen für den älteren Menschen verbunden, die nicht selten zum Verlust der Eigenständigkeit führen. Nachfolgende Zusammenstellung wichtiger Aspekte soll Ihnen dabei helfen, kritische Situationen zu vermeiden und das Beste aus der Kompressionstherapie zu machen.

Wann darf nicht gewickelt werden?

  • Vorsicht ist vor allem bei älteren Venen- und Ulkuspatienten mit Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Diabetes mellitus geboten. Der Grund hierfür: Die Kompression wirkt nicht nur einengend auf die Venen, sondern auch auf die Arterien und das umgebende Gewebe. Damit kann es zu Störungen des arteriellen Blutflusses kommen, vor allem dann, wenn durch falsches Bindenmaterial und -technik ein Dauerdruck auf die Gefäße entsteht. Zudem kann es durch die mitunter erhebliche Ödemausschwellung zu Reaktionen im gesamten Kreislauf kommen, was zum einen die hohe Wirksamkeit der Kompressionstherapie belegt, zum anderen aber auch Komplikationen mit sich bringen kann.
  • Nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie bestehen folgende Gegenanzeigen (Kontraindikationen): systemische Entzündungen wie Erysipel, septische Venenentzündung (Phlebitis), schwere Herzmuskelschwäche (dekompensierte Herzinsuffizienz), fortgeschrittene periphere arterielle Durchblutungsstörungen (pAVK im Stadium III-IV nach Fontaine „Schaufensterkrankheit“ oder Knöchelarteriendruck unter 70 mmHg).
  • Relative Kontraindikationen (das sind Gegenanzeigen, bei denen die geplante Maßnahme durchgeführt werden kann, wenn der Nutzen das Risiko der befürchteten Schädigung aufwiegt) bestehen beispielsweise bei schwerer Sensibilitätsstörung der Beine, fortgeschrittener peripherer Neuropathie (meist als Folgeerkrankung bei Diabetes mellitus) oder bei Materialunverträglichkeit. Spezielle Vorsichtsmaßnahmen gelten bei Patienten mit Hauterkrankungen und arteriell-venösen Mischulzera. Ein besonderes Risiko tragen schließlich auch Diabetes-Patienten mit einer Mediasklerose (Verkalkung der mittleren Wandschicht der Beinarterien), da hier Druckmessungen mit Ultraschall (Sonografie) keine Aussagekraft haben.

Mit ABI-Messung die Durchblutungssituation in den Beinen klären

Da sich Herz- und Kreislauf-, Gefäß- und Stoffwechselerkrankungen über Jahre hinweg meist langsam entwickeln, sind es vor allem ältere Menschen mit Mehrfacherkrankungen, bei denen Kontraindikationen zur Kompressionstherapie zu erwarten und zu beachten sind. Eine Kompressionstherapie darf hier nur durchgeführt werden, wenn die arterielle Durchblutungssituation in den Beinen geklärt ist. Leider ist dies in der Praxis nicht immer der Fall und nicht selten wird ohne Kenntnis der arteriellen Durchblutungssituation ein Kompressionsverband angelegt, was medizinisch nicht zu verantworten ist.

Um Schaden durch eine nicht angezeigte Kompressionstherapie vom Patienten – dem von Ihnen betreuten Angehörigen oder auch von Ihnen selbst – abzuwenden, sollten Sie unbedingt auf einer ABI-Messung bestehen. Mit der Messung wird der sog. Knöchel-Arm-Index (engl. ankle-brachial-pressure-index = ABPI oder kurz ABI) durch die nichtinvasive (nicht in den Körper eindringende) Maßnahme einer dopplersonografisch optimierten Blutdruckmessung ermittelt. Grundprinzip der Methode ist die klassische Blutdruckmessung, wobei anstelle des Stethoskop zur Messung der systolischen Blutdruckwerte die Dopplersonde benutzt wird. Mit dem Dopplergerät können am Unterschenkel die einzelnen Arterien dargestellt werden, was mit einem Stethoskop nicht möglich wäre.

Bei einer Gefäßerkrankung kommt es zu Verengungen der Arterien, die die Extremitäten versorgen und damit zu Durchblutungsstörungen. Um die gemessenen Werte unabhängig vom systemischen (im ganzen Körper vorherrschenden) Druck bewerten zu können, wird deshalb ein Index (Kennzahl) gebildet aus dem am Arm und dem im Knöchelbereich ermittelten Blutdruckwert. Die Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Fachgesellschaften (AWMF) definieren über diese ABI-Kennzahlen, die nach einer bestimmten Formel errechnet werden,  die Schweregrade einer peripheren Arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK). Ein Beispiel dazu: 130 mmHg am Knöchel gemessen durch 175 mmHg am Oberarm gemessen ergibt einen ABI von 0,75 und zeigt eine mittelschwere pAVK an.

Kennzahlen zur Bestimmung des pAVK-Schweregrades und damit zur Indikation bzw. Kontraindikation einer Kompressionstherapie (Quelle: ABI-Kompass der PAUL HARTMANN AG):

 
< 0,5 schwere pAVK, kritische Ischämie (Blutleere), Kompressionstherapie kontraindiziert

 
0,5 bis 0,75 mittelschwere pAVK, Kompressionstherapie kontraindiziert

 
0,75-0,9 leicht pAVK – Kompressionstherapie nach Rücksprache mit dem Arzt

 
> 0,9 Normalbefund, Kompressionsverband möglich

 
> 1,3 hohe Werte, Verdacht auf Mediasklerose, Kompressionstherapie kontraindiziert

Hinweis: Auch der durch eine klassische Blutdruckmessung ermittelte Knöchelarteriendruck kann bei der Ermittlung der arteriellen Durchblutungssituation hilfreich sein, wenngleich die Werte nicht so präzise sind wie bei einer ABI. Bei Werten unter 70 mmHg ist eine Kompressionstherapie kontraindiziert.

 

Haut unter dem Kompressionsverband pflegen und schützen

Die Haut an den Unterschenkeln ist generell austrocknungsgefährdeter als in anderen Körperbereichen. Vor allem im Alter und bei mangelnder Hautpflege kann es schnell zu extrem trockener und rissiger Haut kommen. Aber auch die Ödeme bei Venenerkrankungen führen oft zu entzündlichen Veränderungen der Haut. Ebenso ist die Wundumgebung venöser Ulzera häufig ekzemartig geschädigt, beispielsweise durch die Besiedelung der geschädigten Haut mit Bakterien und Pilzen. Diese schmerzenden Zustände der Haut führen dann dazu, dass die Kompressionstherapie abgebrochen wird, weil der Druck nicht ertragen wird. Aber ohne Kompressionsverband wiederum können die Ursachen für die verschiedenen Schädigungen nicht beseitigt werden. Es gilt also, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und zwar durch eine situationsgerechte Hautpflege.

  • Ist die Haut nur trocken, ansonsten aber gesund und ohne Schrunden und Risse, hilft gutes Eincremen mit rückfettenden Cremes. Wichtig ist vor allem, dass die Hautpflege nicht nur gelegentlich erfolgt, sondern die Beine am besten tagtäglich eingecremt werden.
  • Ist die Haut sehr trocken und schuppig, und besteht starker Juckreiz, was ggf. bereits als Austrocknungsekzem bezeichnet werden kann, sollte ein Dermatologe zu Rate gezogen werden. Zur Pflege und zum Schutz der Haut werden medizinische Cremes bzw. Salben benötigt, die viel Fett, flüssigkeitsbindende Stoffe wie beispielsweise Harnstoff und ggf. auch entzündungshemmende Substanzen enthalten.
  • Die Behandlung durch den Dermatologen ist auch dann erforderlich, wenn mikrobielle Ekzeme oder Kontaktallergien bestehen. Die Behandlung richtet sich nach den allgemeinen Grundsätzen der Ekzemtherapie und erfordert je nach Art des Ekzems beispielsweise adstringierende oder desinfizierende Lösungen oder allergenneutrale Salbengrundlagen und Substanzen. Solche Salben können auch nach individuellen Rezepturen in der Apotheke hergestellt werden.

Wichtiger Hinweis: Besteht ein offenes Beingeschwür, dürfen niemals Salben oder Cremes in die Wunde gelangen.

Coverflex
Sicherer Hautschutz durch Schlauchverbände
Unabhängig von der individuellen Hautpflege ist es sinnvoll, die empfindliche Haut am Unterschenkel durch einen weichen Schlauchverband zu schützen. Solche Schlauchverbände, wie beispielsweise Stülpa sind nahtlos gestrickt, sodass nirgends eine Naht drücken kann. Zudem verfügen sie über eine hohe Querdehnbarkeit, weshalb sie sich gut den Körper- bzw. Beinformen gut anschmiegen und ohne HIlfsmittel einfach anzulegen sind.

Ideal als Hautschutz sind auch Schlauchverbände aus einem dichten, seidenartigem Material, das ein Durchsickern von Salben verhindert. Ein Beispiel hierfür ist Coverflex, der vorwiegend als Feuchtverband bei der Fett-Feucht-Therapie in der Ekzembehandlung oder als Trockenverband zur Abdeckung von Salben und Cremes auf empfindlicher ekzematöser Haut eingesetzt wird. In der Ulkusbehandlung dient er zugleich der sicheren Fixierung von Wundauflagen unter dem Kompressionsverband.

Eine gute Verbandtechnik ist erlernbar

Vielleicht werden Sie dieses Wissen nie brauchen, weil Sie gar nicht in die Lage kommen, bei Ihrem pflegebedürftigen Angehörigen einen Kompressionsverband anlegen zu müssen. Immerhin stehen mittlerweile viele ambulante Pflegedienste bereit, die sich mit Pflegefachkräften um die Behandlungspflege kümmern und auch Kompressionsverbände anlegen. Dennoch kann es nützlich sein, sich ein gewisses Basiswissen zuzulegen und gegebenenfalls mit der Fachkraft das Anlegen eines Kompressionsverbandes auch praktisch zu üben. Die nachfolgenden theoretischen Anleitungen und praktischen Tipps sollen dabei helfen, Fehler zu vermeiden. Denn man sollte sich immer darüber im Klaren sein, dass dem Patienten mit einem schlecht und fehlerhaft angelegten Kompressionsverband erheblicher Schaden zugefügt werden kann.

In diesem Zusammenhang ist nochmals darauf hinzuweisen, dass dem Kompressionsverband eine korrekte phlebologische Diagnose mit Erhebung des arteriellen Status vorausgehen muss, was heute dank der Ultraschall-Doppler-Sonographie schmerzlos und sicher durchgeführt werden kann. Dies bedeutet praktisch, dass eine Pflegefachkraft, die beispielsweise die Wundversorgung bei einer Beinwunde im häuslichen Bereich übernommen hat, ohne diagnostische Absicherung und ärztliche Anweisung keinen Kompressionsverband anlegen darf.
Seniorin geht mit Rollator

Bewegung verstärkt die Wirksamkeit

Unabhängig von der Indikation und vom verwendeten Bindenmaterial erreicht ein phlebologischer Kompressionsverband (PKV) seine volle Wirksamkeit erst in Verbindung mit Bewegung. Die Behandlung soll daher möglichst ambulant durchgeführt werden. Ebenso ist Bettruhe des Patienten zu vermeiden. Langes Sitzen ist jedoch noch ungünstiger als Liegen. Probleme im Hinblick auf ausreichend Bewegung ergeben sich vor allem beim geriatrischen Patienten. Aber selbst ein Herumgehen in der Wohnung oder ein Auf- und Abgehen mit dem Rollator auf Alten- und Pflegeheimfluren sollte genutzt werden.

Kompression richtig dosieren
Basis für die Wirksamkeit der Kompression ist der richtige Druckverlauf. Der Druck ist im Fesselbereich am höchsten und nimmt zum Knie hin kontinuierlich ab.

Kompression richtig dosieren

Die Kompression des Beines ist nur dann erfolgreich, wenn der Druck richtig dosiert  und von distal (vom Fesselbereich) nach proximal (zum Knie hin) stetig abnimmt. Der Druck ist damit im Fesselbereich am höchsten und nimmt zum Knie hin kontinuierlich ab.  Oft wird versucht, den Druck im Fesselbereich (distal) durch stärkeren Zug an der Binde zu erhöhen und ihn proximal zum Knie hin durch geringeren Zug abfallen zu lassen. Diese Vorgehensweise ist nicht ungefährlich, weil allzu leicht Abschnürungen entstehen können. Sicherer ist, die Binde mit einem gleichmäßig festen Zug am Bein abzurollen.

Wundkompresse auf- und abpolstern
[1] Aufpolstern des Fußrückens bei Fußrückenödem, [2] Abpolstern der Achillessehne im Bereich des oberen Sprunggelenks

Vorsprünge und Vertiefungen Auf- und Abpolstern

Damit die mit gleichmäßig festem Zug angelegte Binde den gewünschten Kompressionsverlauf von distal nach proximal ergibt, müsste das Bein nach dem sog. Laplace Gesetz eine gleichmäßig zylindrische Form haben. Da dies so gut wie nie der Fall ist, muss das Bein durch Auf- und Abpolstern in eine möglichst zylindrische Form gebracht werden: Vertiefungen müssen bis zur deutlichen Vorwölbung, aufgepolstert werden, damit der Verband den erforderlichen Druck ausüben kann. Knochenvorsprünge (Knöchel) oder Kanten über dem Schienbein und der Achillessehne müssen meist vor relativ zu starkem Druck geschützt werden, was durch Abpolstern neben den Vorsprüngen erreicht werden kann.

Besonders wichtig ist das sachgerechte Abpolstern in der Therapie des venösen Ulkus (Ulcus cruris venosum). Hier kann mit dem Aufbringen eines Schaumstoffpolsters über dem Ulkus eine Druckverstärkung erreicht werden, die zu einer rascheren Abheilung führt.

Als Polstermaterialien kommen wenig komprimierbare Schaumstoffe wie vorgefertigte Pelotten oder Watte in Betracht. Es ist darauf zu achten, dass die Kanten abgeschrägt sind, da es sonst im Randbereich zu Randödemen bis hin zur Blasenbildung kommen kann.

Binde richtig in die Hand nehmen

Je nach Umfang des Beines sind 8 cm oder 10 cm breite Binden am besten geeignet. Die Binde wird so in die Hand genommen, dass der aufgerollte Teil der Binde oben liegt und nach außen zeigt. Nur auf diese Weise lässt sich die Binde am Bein abrollen. Wird die Bindenrolle hingegen vom Bein abgehoben, geht die Führung verloren und es können strangulierende Schnürfurchen entstehen. Damit ist die von distal nach proximal nachlassende Druckverteilung gefährdet.

Anlegetechnik Kompressionsverband
Die Binde muss richtig in die Hand genommen werden,
Anlegetechnik Kompressionsverband
denn nur so lässt sie sich am Bein abrollen. Wird die Bindenrolle von der Haut abgehoben, geht die Führung verloren und es entstehen zwangsläufig Schnürfurchen, wie auch die kontinuierliche Druckverteilung gefährdet ist.
Anlegetechnik Kompressionsverband
Zum Anlegen des Verbandes Sprunggelenk rechtwinklig stellen, der Unterschenkel wird ca. 90° gebeugt.

Zum Anlegen Sprunggelenk rechtwinklig stellen

Zum Anlegen des Kompressionsverbandes wird das Sprunggelenk rechtwinklig gestellt. Dies ist deshalb so wichtig, weil der Umfang des Fußes im Bereich des Sprunggelenks bei 90° etwa 1,5 cm größer ist als bei der Plantarflexion des Fußes, was in etwa der Bewegung des Fußes beim „Gasgeben“ (also bodenwärts) entspricht. Ein in einer solchen Fußstellung angelegter Kompressionsverband wäre also in stehender Position viel zu eng und würde eine schmerzhafte Schnürfurche hervorrufen.

Schritt für Schritt zum Kompressionsverband

Grundsätzlich kann gelten: Ein guter Kompressionsverband soll das Bein rundum fest umschlißen, in seinem Andruck von distal nach proximal nachlassen und darf nirgends drücken oder gar einschnüren.

Wichtiger Hinweis: Ein richtig angelegter Verband vermittelt dem Patienten das Gefühl eines festen Haltes und wird als angenehm empfunden. Vorhandene Schmerzen lassen nach. Verstärken sich Schmerzen oder treten gar neue auf, die beim Umhergehen nicht verschwinden, muss der Verband unbedingt sofort abgenommen werden.

Jede Verbandtechnik ist lehrbar und lernbar. Eigene Erfahrungen und Modifikationen werden nicht ausbleiben und in die eigene Verbandtechnik eingehen. Bei der hier dargestellten Verbandtechnik handelt es sich um einen modifizierten Pütterverband mit zwei gegenläufig angelegten Kurzzugbinden. Diese Technik sichert eine hohe Festigkeit und eine bessere Haltbarkeit des Verbandes.