Seniorin mit Stuhlinkontinenz, deprimiert im Wald

Stuhlinkontinenz –
ein stark tabuisiertes Leiden

Obwohl die normalen Verdauungs- und Ausscheidungsfunktionen für unser Wohlbefinden von entscheidender Bedeutung sind, werden sie stark tabuisiert und als abstoßend und ekelerregend empfunden. Im Falle einer Stuhlinkontinenz wird es dann schwer, helfend einzugreifen.

von  der Redaktion "Zuhause pflegen"

Stuhlinkontinenz bedeutet den unwillkürlichen Abgang von Winden sowie flüssigem und/oder festem Stuhl. Sie entwickelt sich oft schicksalhaft durch eine erblich bedingte Veranlagung, im Zusammenhang mit anderen Krankheiten und natürlichen Alterserscheinungen. Die daraus entstehenden Belastungen für den Betroffenen selbst als auch für den Pflegenden sind ungleich höher als die bei der Harninkontinenz. Denn Stuhlinkontinenz ist eines der unangenehmsten und sozial am wenigsten akzeptierten Symptome.

Die Zahl der Betroffenen wird in Deutschland auf ca. 1,5 Mio. Menschen geschätzt. Allerdings dürfte die Dunkelziffer durch die starke Tabuisierung des Problems sehr hoch sein. Wie bei der Harninkontinenz nimmt auch die Häufigkeit der Stuhlinkontinenz im Alter zu, sodass bei geriatrischen und psychiatrischen Patienten mit bis zu 30 % Stuhlinkontinenz zu rechnen ist. 

Wissenswertes rund um den „Stuhlgang“

Unter Stuhlgang, der medizinisch als Defäkation (von lat. faex = Hefe, Bodensatz) bezeichnet wird, versteht man das Ausscheiden von Kot (Stuhl, Faeces) aus dem Verdauungstrakt bzw. Darm. Die Bezeichnung „Stuhlgang“ rührt vom Leibstuhl her, der im 18. Jahrhundert entwickelt wurde und aus einem Stuhl mit eingebautem Nachttopf zur Aufnahme der Fäkalien bestand. 
Stuhl ist das Endprodukt der Verdauung bzw. der eingedickte und durch Bakterien zersetzte, unverdauliche Rest des Nahrungsbreis. Er besteht zu etwa 75 % aus Wasser. Weitere Bestandteile sind unverdaute, teilweise zersetzte Nahrungsmittelbestandteile (hauptsächlich Zellulose), abgestoßene Epithelien der Darmschleimhaut, Schleim, Bakterien und Gallenfarbstoffe wie beispielsweise Sterkobilin, eines der Abbauprodukte des Hämoglobins (roter Blutfarbstoff), das dem Stuhl die braune Farbe verleiht. 

Da Stuhlfrequenz und Menge des Stuhlgangs stark von der aufgenommenen Nahrung abhängig sind, können für die Beobachtung des Stuhlgangs nur ungefähre Normwerte angegeben werden. Tägliche Stuhlgewichte schwanken zwischen 100 g und 500 g, je nach dem Ballaststoffanteil in der Ernährung. Im Einzelfall kann die Menge des bei einem einzigen Stuhlgang ausgeschiedenen Materials bis zu 1 kg betragen. 

Geringe Stuhlmengen von < 100 g am Tag sind normal, wenn der Mensch fastet oder sich sehr ballaststoffarm ernährt. Ansonsten weisen solche geringen Mengen auf eine Verstopfung hin. Bei großen Stuhlmengen, die nicht auf die Ernährung zurückgeführt werden können, ist an eine ungenügende Aufnahme der Nahrungsbestandteile aus dem Darm beispielsweise durch eine Verdauungs- oder Verwertungsstörung (Maldigestion bzw. Malabsorption) zu denken.

Viele Menschen haben täglich Stuhlgang. Aber dennoch kann die Häufigkeit beim gesunden Menschen von mehrmals täglich bis einige Male wöchentlich variieren. Erst bei deutlichen Abweichungen von den üblichen individuellen Stuhlgewohnheiten spricht man von Durchfall (Diarrhoe, häufige Darmentleerung von zumeist flüssig-schleimigen Stuhl) oder Verstopfung (Obstipation, seltene Darmentleerung von sehr festem Stuhl.

Für die Krankenbeobachtung ist es auch wichtig zu wissen, welche krankheitsbedingten Beimengungen der Stuhl enthalten kann: Schleim bei Reizdarm oder Tumoren, Blut-, Schleim- und Eiterauflagerungen bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn), Blutauflagerungen bei Tumoren, Entzündungen oder Hämorrhoiden oder unverdaute Nahrung bei Verdauungsstörungen oder ungenügendem Kauen.


Stuhlinkontinenz – Ursachen und Symptome

Wie die Harninkontinenz kann auch die Stuhlinkontinenz viele Ursachen haben, die sich nach Herold (2001) einteilen lassen in:

  • Veränderte Stuhlbeschaffenheit: chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Diarrhoe, Rektumtumoren, Malabsorption
  • Gestörte Kapazität: verändertes Rektumreservoir (z. B. durch Operation), Kollagenosen (Bindegewebserkrankungen), Rektumtumoren
  • Störungen des Sphinkters (Schließmuskel): Sphinkterdefekt (Geburtstrauma, anorektale Chirurgie, Pfählungsverletzung), Sphinkterdegeneration, Tumor (infiltrierendes Rektumkarzinom, Analkarzinom) lokale Entzündungen (Morbus Crohn) 
  • Gestörte Sensibilität: Neurologische Ursachen (Demenz, Neuropathie, Trauma, Tumor), Koprostase (Stauung von Kot im Dickdarm, die zur Bildung von Kotsteinen führen kann), Enkopresis (Einkoten bei Kindern älter als vier Jahre), Medikamente
  • Kombinationen, z. B.: Alter + Multipara (Bezeichnung für eine Frau, die mehr als zwei Kinder geboren hat) + Deszensus (Absenkung anatomischer Strukturen) + Diabetes mellitus
  • Im hohen Alter treten Harn- und Stuhlinkontinenz nicht selten gemeinsam auf.

Entsprechend ihrer Ausprägung wird die Stuhlinkontinenz in drei Schweregrade unterschieden:

  • Grad I: gelegentliches Stuhlschmieren oder Abgang von Darmgasen
  • Grad II: Unfähigkeit, flüssigen Stuhl willentlich zurückzuhalten
  • Grad III: Unfähigkeit, festen Stuhl willentlich zurückzuhalten

Auch für die Stuhlinkontinenz gilt, dass vielen betroffenen Menschen durch Diagnose und Therapie geholfen werden kann. Ebenso kann mit geeigneten pflegerischen Maßnahmen das Los des Betroffenen erleichtert werden.

So funktioniert die Darmentleerung

Darstellung der Darmentleerung

Der Vorgang der Darmentleerung ist mindestens so kompliziert wie die Blasenentleerung und muss ebenfalls im Kindesalter erlernt werden. Ein innerer und äußerer Schließmuskel sorgen für den Verschluss des Afterkanals. Tritt der Darminhalt in den Mastdarm (Rektum) [1] über, dehnt sich dieser mit zunehmenden Füllungsgrad. Dadurch entsteht eine Wandspannung, die über Nervenfasern dem inneren Schließmuskel [2] signalisiert wird, der daraufhin erschlafft. Der äußere Schließmuskel [3] zieht sich zusammen. Gleichzeitig entsteht Stuhldrang, der über das Rückenmark an übergeordnete Zentren im Gehirn weitergeleitet wird. Sind dann Ort und Zeit geeignet, kann die Entscheidung über eine Darmentleerung getroffen werden.

Keine Angst vor Untersuchungen

Zur Stuhlinkontinenz-Diagnose stehen heute zahlreiche Verfahren zur Verfügung, die auch bei älteren Patienten eingesetzt werden können.

Anamnese der Stuhlinkontinenz
Mit der Anamnese (der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet eine systematische Befragung, mit der der Arzt den Gesundheitszustand seines Patienten erkundet) werden Beschwerdebeginn, Stuhlhäufigkeit, Konsistenz, Stuhlbeschaffenheit (Gas, Schleim) und Menge erfragt. Wichtig sind auch die Umstände: geht Stuhl gelegentlich, nachts, bei Husten oder Niesen ab, können Gase und Stuhl unterschieden werden? Vorhandene Grund- und Stoffwechselerkrankungen und frühere Therapien oder Operationen sind ebenfalls durch die Anamnese zu erfahren.
Klinische Untersuchung
Die klinische Untersuchung ist dann sicher immer noch die ergiebigste diagnostische Maßnahme. Das Auge und der tastende Finger sind durch kein Instrument zu ersetzen. Die rektale Tastuntersuchung erfasst den klaffenden Anus, den sensiblen Analrand, die Willkürkontraktionen oder auch eine Rektozele (Aussackung des Mastdarms) oder einen Mastdarmvorfall.
Apparative Diagnostik
Die apparative Diagnostik, beispielsweise mit dem Proktoskop zur Enddarmspiegelung bzw. dem Rektoskop zur Mastdarmspiegelung oder eine Röntgenuntersuchung, liefert weitere Befunde. Der Einsatz aufwendiger Technik erfolgt jedoch nur ganz gezielt.

Stuhlinkontinenz-Behandlung – was möglich ist

Die konservative Therapie, also ohne Operation, ist die unverzichtbare Basis jeder Behandlung. Falls erforderlich, muss natürlich eine vorhandene Grunderkrankung therapiert werden.
  • Eine geeignete Stuhlregulierung mit Anleitung zum körpergerechten Stuhlverhalten ist häufig der Angelpunkt zum Erfolg – bringt zumindest aber eine deutliche Besserung der Inkontinenz-Probleme.
  • Medikamente beseitigen keine Inkontinenz, sind aber zur begleitenden Anwendung oft unverzichtbar. Hilfreich sind vor allem Mittel zur Stuhlverfestigung.
  • Ist ein Rest Sphinktermuskulatur erhalten, kann auch die physikalische Therapie mit Beckenbodengymnastik, endoanaler Stimulation und Bio-Feedback gute Erfolge bringen. Sie erfordert aber eine exakte Indikation und genügend Ausdauer von Patienten und Therapeuten.

Durch Operationen können Leiden wie Hämorrhoiden, Fisteln und Fissuren saniert und Tumoren entfernt werden. Auch Rekonstruktionen der Schließmuskeln sind möglich. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die Medizin heute in der Lage ist, auch hochbetagte Patienten zu operieren. Nicht zuletzt deshalb, weil Operationen am Kontinenzorgan in der Regel mit einer schonenden Regionalanästhesie durchgeführt werden.

Ein mit aktiver Therapie nicht mehr zu verbessernder Grad der Stuhlinkontinenz erfordert meist einen erheblichen Pflegeaufwand. Dieser ist aber nicht als Kapitulation gegenüber der Erkrankung zu begreifen, sondern – wie bei der Harninkontinenz auch – als Aufgabe, dem Betroffenen durch eine gute pflegerische Versorgung Lebensqualität zu erhalten und zu verbessern.

  • Hygienische Versorgung: Priorität hat vor allem eine optimale hygienische Versorgung, wobei neben Analtampons auch hier überwiegend aufsaugende Inkontinenzprodukte eingesetzt werden. Naturgemäß fällt es dabei Männern viel schwerer als Frauen, ein Hygieneprodukt zu akzeptieren und auch zu tragen. Hilfreich sind hier die speziell für Männer entwickelten Produkte, die sowohl bei Harn- als auch bei Stuhlinkontinenz das Leben erleichtern.
  • Hautschutz: Besonderen Schutz braucht die Haut im Urogenital- und Analbereich, um Folgeschäden der Stuhlinkontinenz wie beispielsweise entzündlichen Hautausschlägen vorzubeugen. Stuhl enthält besonders aggressive Substanzen, die sehr schnell zu Hautschäden führen können. Deshalb ist die Haut nach jedem unfreiwilligen Stuhlabgang gründlich, aber schonend zu reinigen und durch spezielle Schutzcremes gegen erneute Belastungen durch Stuhl widerstandsfähig zu machen.
  • Toilettentraining: Es kann dem Betroffenen aber auch helfen, wenn seine Toilettengewohnheiten überprüft werden. Gegebenenfalls kann dann durch „vorausschauende“ Toilettengänge ein unfreiwilliger Stuhlabgang vermieden werden. Voraussetzung für das Gelingen eines solchen „Toilettentrainings“ ist aber, dass der Betroffene geistig noch zur Mitarbeit fähig ist und die Ursachen der Stuhlinkontinenz ein Training zulassen.